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Vorstoß der israelischen Armee:
Auch Friedensaktivisten im Visier?
Interview: Harald Neuber, JungeWelt 03.04.2002
Vorstoß der israelischen Armee: Auch Friedensaktivisten im Visier?
Junge Welt sprach mit Sophia Deeg. Die Münchener Lehrerin hält sich seit Sonntag gemeinsam mit ihrer Tochter und rund dreißig Friedensaktivisten im belagerten Hauptquartier von Palästinenserpräsident Yassir Arafat auf
F: Was machen Sie im Hauptquartier von Yassir Arafat in Ramallah?
Wir sind im Hauptquartier, andere sind in den Flüchtlingslagern oder in Krankenhäusern. Wir versuchen, überall dort Präsenz zu zeigen, wo das israelische Militär vorrückt. Das ist notwendig, weil ganz massive Übergriffe auf die Zivilbevölkerung stattfinden.
F: Zum Beispiel?
Es wurden Fälle dokumentiert, bei denen israelische Soldaten in Krankenhäuser eingedrungen sind, um Verwundete zu verschleppen. So etwas ist erst am Sonntag, kurz bevor wir hierher kamen, geschehen. Am Montag haben Leute von uns Flüchtlingslager besucht, um sich vorrückenden Panzern in den Weg zu stellen. In der Regel konnte man bislang immer mit den Befehlshabenden reden. Dieses Mal haben die Panzerbesatzungen das Feuer eröffnet. Nicht direkt auf die Friedensdemonstranten, aber auf den Boden vor ihnen. Durch die Wucht der Einschläge und Splitter sind einige der Leute verletzt worden.
F: Eine Boulevardzeitung in Deutschland schreibt, Sie und Ihre Tochter hätten sich Arafat als »menschliche Schutzschilde« angeboten. Wie kommentieren Sie das?
Das ist völliger Unsinn. Ich sehe mich überhaupt nicht als Anhänger von Arafats Politik. Ganz im Gegenteil halte ich ihn mitverantwortlich für die Situation.
F: Aber was hat Arafat mit der Militärpolitik Israels zu tun?
Die Situation ist derart festgefahren, weil Arafat alle demokratischen Strukturen in Palästina behindert hat. Das ist ein Hauptgrund für die heutige Schwäche der palästinensischen Position.
F: Und wieso sind Sie dann im Hauptquartier?
Wir waren vor einigen Tagen in der Westbank unterwegs und haben Krankenhäuser besucht. Erst dabei haben wir uns entschieden, in das Hauptquartier zu fahren. Das war eine kollektive Entscheidung, der eine intensive Diskussion vorausgegangen ist. Ich gebe zu, mit der Entscheidung nicht zufrieden zu sein. Die Gruppe war aber der Auffassung, dass man das Hauptquartier als Symbol der palästinensischen Autonomie schützen müsse. Mit unserer Präsenz wird dem, was hier geschieht, größere Aufmerksamkeit zuteil.
F: Und was geschieht?
Die Lage in Gebäude ist katastrophal. Es gibt kaum Strom oder Wasser, die Leute fürchten ständig den Angriff der Armee. Noch stehen drei Etagen zur Verfügung, Arafat aber hält sich im Bunker auf. Der Gesundheitszustand von Arafat selber ist schlecht, aber auch alle anderen stehen unter einem enormen psychischen Druck.
F: Yassir Arafat hat noch am Wochenende erklärt, er sei bereit, als Märtyrer zu sterben. Was bedeutet das für Sie?
Das hat er tatsächlich gesagt, ich habe das auch gehört. So einem »verantwortungsvollen« Quatsch kann ich nur mit Unverständnis begegnen. Ich bin dazu jedenfalls nicht bereit.
F: Die israelischen Behörden haben alle Ausländer aufgefordert, die Region zu verlassen. Werden Sie dieser Aufforderung nachkommen?
Ja, aber ich möchte nicht abgeschoben oder verhaftet werden. Ich werde das Land aus freien Stücken verlassen, weil ich nichts Illegales getan habe.
F: Welche Konsequenzen befürchten Sie persönlich?
Darüber sind wir uns nicht klar. Zwar möchten wir aus dem Gebäude heraus, es gibt aber keine Garantie, nicht unter Beschuss genommen zu werden. Deswegen besprechen wir jeden Schritt mit der Gruppe.
F: Schüsse aus Panzern, Festnahmen von Ausländern und die Verhängung des Ausnahmezustandes. Ist eine neue Qualität des Konfliktes erreicht?
Ich habe so etwas in der Tat noch nicht erlebt. Vor einer Woche erst wurde hier ein italienischer Journalist erschossen. Bislang hatte ich die israelische Armee gegenüber Ausländern oder der Presse überhaupt nicht als gewalttätig erlebt. Jegliche Skrupel oder Tabus scheinen keine Rolle mehr zu spielen. Auf der anderen Seite gibt es in der israelischen Armee Widerstand. Das lässt uns hoffen.
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Mit freundlicher Genehmigung von |